Am Brühl – Ein Abriss

Dokumentarisches Theater von Sascha Schmidt

Eine Koproduktion von Kino Datsche e.V., Cammerspiele Leipzig und Theaterlabor Bielefeld

Nominiert für den Leipziger Bewegungskunstpreis 2017!

Als vor zehn Jahren am Leipziger Brühl der Abriss von drei DDR-Plattenbauten begann, tobte in der Stadt eine Diskussion über das Areal und den Umgang mit der Vergangenheit. Sollte hier ein letztes Stück DDR aus dem Stadtbild entfernt werden? Und war der Plan, an dieser Stelle eine Shopping Mall zu eröffnen, auch Sinnbild für den Anbruch einer neuen Zeit?

Anlässlich des Abrisses der drei Gebäude und der „Blechbüchse“ führte der Dokumentarfilmer und Theaterregisseur Sascha Schmidt mit rund fünfzig ehemaligen Bewohnern und Mitarbeitern des Konsument-Warenhauses mit der Kamera Interviews, die sich thematisch rund um den Alltag am Brühl drehten. Er hörte Lebensgeschichten von Umbrüchen, Abbrüchen und Aufbrüchen.

Foto: Joachim Berger

In einem dokumentarischen Theaterstück werden diese Stadtgeschichten nun nach zehn Jahren noch einmal betrachtet: Standen die Plattenbauten auch für das Leben in der DDR? Waren sie vielleicht sogar ein Mikrokosmos, in dem sich alle Widersprüche der untergegangenen Republik spiegelten?Anhand der Geschichten der mit dem Brühl verbundenen Menschen, Aufnahmen vom Abriss der Häuser und bisher unveröffentlichten Filmmaterials, wie bspw. einem 16-mm-Film, der anlässlich der Eröffnung des Konsument-Warenhauses gedreht wurde, erzählt die dokumentarische Theaterinszenierung „Am Brühl“ von Wünschen, Hoffnungen und Träumen und stellt die Frage: Wie haben sich die Veränderungen bis heute ausgewirkt – nicht nur im Stadtbild, das an einer der zentralsten Stellen der Innenstadt so umfassend verändert wurde, sondern auch zwischen den Menschen?

Die beiden Schauspieler schlüpfen in ständig wechselnde Rollen und stellen Lebensentwürfe nebeneinander. So verdichten sich die Geschichten der Bewohner zu einem Mosaik, das den Alltag in der DDR mit all seinen Konflikten offenbart. Standen die Häuser auf einem wackligen Fundament? Waren die Risse unter der Fassade sichtbar? Der Blick auf den Alltag am Brühl fordert den Zuschauer auf, in der eigenen Erinnerung zu graben und einen eigenen Standpunkt in Bezug auf dieses verschwundene (Gedanken-)Gebäude zu suchen.


Mit: Luise Audersch und Michael Hecht | Regie: Sascha Schmidt | Bühne & Kostüm: Julia Scheurer | Produktion: Florian Wessels | Kamera: Andres Mirgel | Digitalisierung: Robert Carlos Zeder | Technische Unterstützung: Filmaton / Tobias Krettek


Dimo Rieß | Leipziger Volkszeitung | 17./18.12.2016: „Die Reihung der Erinnerungen und Sichtweisen mag beliebig erscheinen, spiegelt aber die heterogene Nachbarschaft. Und regt an zu Debatten über getilgte Erinnerungen im Stadtbild und den fortdauernden Wandel.“


Jurybegründung zur Nominierung Bewegungskunstpreis 2017: „Dieser ‚Abriss‘ ist ein vielschichtiger Blick auf jenes markante Baudenkmal der Leipziger Innenstadt und DDR-Moderne, das einer Shopping Mall weichen musste: die Wohnhochhäuser am Brühl. Die sorgsam gestaltete Sammlung von Videodokumenten und biographischen Splittern taucht ein in die Lebensrealitäten und sozialen Gefüge, die mit dem Abriss der Gebäude verschwunden sind. Das Stück sieht hinter die Architektur. Es bewertet nicht, sondern schafft Erzählungen von Menschen, die heute ins Theater gekommen sind. Und wenn das Saallicht wieder brennt, setzen sich die Erzählungen in den Zuschauerreihen fort. Ein erkenntnisreiches und berührendes Mosaik der Erinnerungen, das unter die Haut geht!“


Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und durch das Kulturamt der Stadt Leipzig.


Sascha Schmidt arbeitet seit vielen Jahren als Autor und Regisseur. Neben zahlreichen Dokumentationen, die er für die öffentlich-rechtlichen Sender realisierte (ZDF, NDR, u.a.), schreibt und inszeniert er auch Bühnenstücke. Seine Inszenierung „Hannover Central Station“ wurde 2013 mit dem Pro Visio Preis der Kulturregion Hannover ausgezeichnet. An der Frankfurt University Of Applied Sciences hat er einen Lehrauftrag für dokumentarisches Theater.

Mit: Luise Audersch und Michael Hecht

Regie: Sascha Schmidt
Bühne & Kostüm: Julia Scheurer
Produktion: Florian Wessels
Kamera: Andres Mirgel
Digitalisierung: Robert Carlos Zeder
Technische Unterstützung: Filmaton / Tobias Krettek