Leipzig liest! 2020

Veranstaltungen zur Buchmesse 2020 in den Cammerspielen

ALLE VERANSTALTUNGEN ZUR BUCHMESSE 2020 IN DEN CAMMERSPIELEN:

Donnerstag, 12. März 2020 | 19:00 Uhr | Eintritt frei

Gerhard Stadelmaier: „Don Giovanni fährt Taxi“ | Verlag: Klöpfer, Narr Verlag

© Klöpfer/Narr

Groteske, komische und unerhörte Begebenheiten als Tollheitsweltfluchten. Ein Sammelsurium an virtuosen Momentaufnahmen des legendären Theaterkritikers.

Es ist ein höllenfahrend heißer Tag. Don Giovanni weiß längst, wo sein Taxi-Fahrgast hin möchte, weist ihn aber vorsichtshalber darauf hin, dass Frauen sehr viel Geld kosten. Derweil wird eine fast nackte Schauspielerin von einer Schlange gebissen. Eine andere, leidlich bekleidete, isst einen Apfel und bringt allein damit einen dramatischen Dichter zur Verzweiflung. Primadonnen kratzen sich gegenseitig die Augen aus. Dorf und Depp kommen innig zusammen. Hexen jagen einen Bankräuber. Casanova wird zu einer Ballonfahrt verdonnert. Bratscher machen Skandal. Geschichtengängerinnen gehen in verbotene Bücherkeller. Eine Fledermaus triumphiert als Scheidungskind.

Don Giovanni fährt Taxi: Lauter groteske, komische, skurrile und unerhörte Begebenheiten als Tollheitsweltfluchten. Ein Pandämonium an virtuosen Momentaufnahmen, die der, so Ulrich Raulff, „legendäre Theaterkritiker“ Gerhard Stadelmaier novellistisch über seine und seiner Leser Kopf-Bühne jagt. Robert Schumanns „Novelletten“ (op. 21) machen die Musik dazu. Und das alles macht: kurzweilige Lesefreude mit ganz viel Esprit.


Gerhard Stadelmaier wurde 1950 in Stuttgart geboren, ist in Schwäbisch Gmünd aufgewachsen, lebt in Bad Nauheim, hat in Tübingen Germanistik und Geschichte studiert und bei Wilfried Barner mit „Lessing auf der Bühne“ promoviert. War danach Redakteur im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung – eine schwäbische Laufbahn, die sich 1989 ins hessisch Weltblattläufige weitete, wo er bis 2015 der fürs Theater und die Theaterkritik zuständige Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik und dem Deutschen Sprachpreis. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Liebeserklärungen. Große Schauspieler, große Figuren“ (2012), „Regisseurstheater. Auf den Bühnen des Zeitgeistes“ (2016) sowie der Roman „Umbruch“ (2016).


Freitag, 13. März 2019 | 19:00 Uhr | Eintritt frei

Tanja Langer: „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung“ | Träumen, Erfinden, Erinnern: Ein großer Roman über eine kleine Frau | Verlag: Mitteldeutscher Verlag

Foto: Michele Corleone

Ich habe meine Großmutter gekannt, aber ich wusste nicht, dass sie es war. Linda, Übersetzerin aus dem Persischen, lässt sich gern von ihren Träumen lenken, und so findet sie sich eines Tages in Lüneburg wieder: Dort lebte ihre kaum gekannte Großmutter Ida unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, geflohen aus Oberschlesien, verwitwet, mit fünf Kindern. Knapp eineinhalb Meter groß, arbeitete sie für den „Direktor des englischen Kinos“. Dieser Halbsatz entzündet Lindas Phantasie, und schon ist sie mitten in der Zeit der britischen Besatzung, von 1945 bis 1949: Ida verliert ihren Mann, Ida schrubbt Wäsche für die Tommys, und Ida begegnet Mr. Thursday. Sie fängt bei ihm im „Astra Cinema“ an und merkt vor lauter Begeisterung für die Filme kaum, dass er sich in sie verliebt … Das Kino wird zum Gegenbild für die raue Wirklichkeit, durch die Ida und ihre kleine Rasselbande sich als „Flüchter“ durchboxen, mit Einfallsreichtum, der Kraft der Träume und der Liebe, die sie verbindet. Indem Linda aus Sehnsucht nach der Großmutter, die sie nicht hatte, zu deren Erzählerin wird, verändert sie sich selbst – und erzählt noch dazu die Geschichte einer ganzen Epoche.


„Tanja Langer hat mit diesem Buch ihr Meisterstück geschrieben.“
Monika Melchert, Lesart, 3.2019


„Die Geschichte einer starken Frau im Nachkriegsdeutschland ist fesselnd erzählt und enthält – sicherlich nicht unbeabsichtigt – starke Gegenwartsbezüge.“
ekz Informationsdienst, 30. September 2019


„Ein kunstvoller Romanteppich, der nicht nur Geschichten spinnt und verwebt, sondern auch Freude an der Sprache macht.“
Michaela Backeberg, Rhein-Neckar-Zeitung, 28./29. September 2019


Tanja Langer, geb. 1962 in Wiesbaden, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Politologie, Kunstgeschichte und Philosophie in München, Paris und Berlin. Sie inszenierte zahlreiche Theaterstücke, publizierte in großen Tageszeitungen und veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und Romane, zuletzt „Der Tag ist hell, ich schreibe dir“ (2012; 2019 als Hörbuch gelesen von Eva Mattes) und „Der Maler Munch“ (2013). Sie schreibt für bildende Künstler und Neue Musik, u.a. das Libretto für die Oper „Kleist“ von Rainer Rubbert (2008). Sie lebt in Berlin.


Freitag, 13. März 2019 | 21:00 Uhr | Eintritt frei

Hanns Zischler: „Der zerrissene Brief“ | Der Meister einer so schnörkellosen wie schwebenden Prosa über Weltreisen, Liebesgeschichten und verschollene Erinnerungen | Verlag: Galiani-Berlin

Foto: Ulrich Weichert

Von Weltreisen und verschollenen Erinnerungen. Vom Aufbruch aus einem fränkischen Dorf nach New York. Von einer unwahrscheinlichen Liebesgeschichte und der Kalkulierbarkeit des Glücks: Der erste Roman von Hanns Zischler, dem Meister einer so schnörkellosen wie schwebenden Prosa.

War es Fernweh, war es Liebesleichtsinn, der die 17jährige Pauline 1899 aus ihrem fränkischen Dorf ins ferne New York ausbüxen ließ? Was hat damals den welterfahrenen Max dazu getrieben, ihr die enorme Summe von 2000 Goldmark zu geben und sie für gut zwei Jahre ganz allein in so weite Ferne zu schicken? Woher nahm er die Gewissheit, dass Pauline nach ihrer Rückkehr genau die richtige Gefährtin für seine ausgedehnten Reisen sein würde, die beide dann tatsächlich um die halbe Welt unternahmen – durchs Innere Asiens bis zur Halbinsel Kamtschatka? Sechzig Jahre später wird Pauline von der liebesenttäuschten jungen Elsa besucht, die sie in der Nachkriegszeit als Kind „per Brief adoptiert“ hat. Gemeinsam durchwandern die beiden Frauen im Gespräch das tiefe Labyrinth von Paulines bis dahin verschollenen Lebensaugenblicken. Sie weben die bunten Fäden einer verloren geglaubten Zeit mit Hilfe von Briefen, Fotos, Notizen und Gedichten zu einem Stoff, dessen Muster erst nach und nach erkennbar wird.


Hanns Zischler, Jahrgang 1947, Schriftsteller, Fotograf und Schauspieler.
Seine Forschungsarbeit Kafka geht ins Kino (1996) wurde in viele Sprachen übersetzt und 2017 bei Galiani neu aufgelegt. Bei Galiani erschienen außerdem von Hanns Zischler Der Schmetterlingskoffer (2010, gemeinsam mit Hanna Zeckau), Berlin ist zu groß für Berlin (2013), Die Erkundung Brasiliens (2013, gemeinsam mit Sabine Hackethal und Carsten Eckert) und Das Mädchen mit den Orangenpapieren (2014).


Samstag, 14. März 2019 | 19:00 Uhr | Eintritt frei

„Wo ich herkomme ist, wo ich bin“ | Diskussionsrunde über Feminismus, Unterdrückung, Verfolgung, Bedrohung | mit Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Fatuma Nurye Yimam, Leander Sukov u.a. | Veranstalter: PEN-Zentrum Deutschland e.V.

Foto: Stefanie Silber

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist eine eritreische Lyrikerin, Journalistin und Schriftstellerin. Bis zu ihrer Freilassung im Januar 2015 musste sie sechs Jahre lang unter schlimmsten Bedingungen im „Mai Swra“ Gefängnis ausharren, in das sie willkürlich ohne Anklage oder Gerichtsverfahren gesperrt wurde. Seitdem droht ihr eine erneute Verhaftung und sie ist auf der Flucht. Seit Dezember 2018 ist Mebrathu Stipendiatin des Writers-in-Exile Programms des deutschen PEN.

Die äthiopische Journalistin und Aktivistin Fatuma Nurye Yimam recherchierte über illegale Migrationsrouten nach Dschibuti und andere Nachbarländer Äthiopiens. Sie gründete die Zeitung „Fact“, in der sie Missstände kritisierte. Die Regierung erhob daraufhin Anklage gegen sie, woraufhin sie zunächst in benachbarten Ländern Zuflucht suchte, bevor sie schließlich nach Deutschland kam.

Der Schriftsteller und freie Journalist  Leander Sukov ist Vizepräsident und Writers-in-Exile-Beauftragter des deutschen PEN-Zentrums. Zu seinen Buchveröffentlichungen, darunter Romane, Kurzgeschichten und Lyrik, kommen zahlreiche politische Essays in „junge Welt“, Neues Deutschland, Vorwärts, Hamburger Rundschau, HLZ u.a.. Er ist Herausgeber von kultur-und-politik.de, einem politischen Web-Feuilleton.