Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

nach F. M. Dostojewskij | Regie: Tim Kahn
NewCammer - Nachwuchsregisseure in den Cammerspielen

Der Einzelne. Der Kellermensch. Der asketische Büßer. Ein Schuft. Ein Egoist. Ein Faulpelz. Dieser Namenlose – von höchster Intelligenz, aber voll bitterer Einsamkeit – führt eine passive Revolution gegen den plumpen Duktus unserer Zeit. Im dichten, undurchdringlichen Gemäuer seines Verstandes beginnt eine Geschichte zwischen Zorn und Furcht, Licht und Dunkelheit, wabernden Klängen und kosmischen Silhouetten.

Die ätherische Zartheit seiner Sinne steht im Kontrast zum ständigen Widerspruch seiner Reden. Trug und Realität lösen sich epileptisch voneinander ab und sind dennoch unbedingter Bestandteil seiner Lebenswelt. Gefangen in den wirren Schrecken dieser illusorischen Sackgasse namens Kopf, verhöhnt er alle, die nicht Sehen, Denken, Riechen, Schmecken, Hören und Fühlen können.

28 schrieb die „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ im Herbst 1863 nach der Rückkehr von seiner zweiten Westeuropa-Reise. Im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts bewegt sich der Text zwischen philosophisch angelegtem Essay und einer Novelle, als Psychoanalyse einer fortschrittsgläubigen Gesellschaft. Der Autor selbst kommentiert die Aufzeichnungen mit dem Hinweis, dass zwar alle Personen und Handlungen frei erfunden, aber bei dem Zustand der zeitgenössischen Gesellschaft unausbleiblich seien.

Die Bühnenfassung des Textes von Dostojewskij kreist um den verzweifelten Versuch eines Menschen, sich innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges zwischen Zweck und Optimierung zu verorten. Eine Erzählung von Ängsten um das liebe Geld, gesellschaftlichen Karrieremachern, den Schrecken der Liebe, einer Prostituierten und einem zweibeinigen undankbaren Wesen.


Es spielen: Christian Burkhardt, Lola Dockhorn, Nicolaj Gnirss, Benjamin Lehmann und Henriette Seier | Regie: Tim Kahn | Dramaturgie: René Geise | Musik: Eike Mann | Bühne: Lion Sauterleute | Regieassistenz: Antje Cordes


Tim Kahn, aufgewachsen in Leipzig, studiert Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Er arbeitete am Schauspiel Leipzig (ehem. Centraltheater) in der theaterpädagogischen Abteilung „Spinnwerk“ und betreute als Regieassistent mehrere Produktionen der Cammerspiele Leipzig, unter anderem in Zusammenarbeit mit „DAS ÜZ“ und „pipidasdas“ die Produktion „Dark Star – fight the bomb, fight the crisis“ unter der Regie von Christian Hanisch (ausgezeichnet mit dem Leipziger Bewegungskunstpreis 2015). Zuletzt war in der Spielzeit 14/15 seine Performance „Die Häutung des Marsyas“ in Kollaboration mit Camilo Osorio Suarez im GAP GAP Offspace zu sehen.